Am 23. November 2011 öffnete der S&P 500 ETF (SPY) mit einem Gap von −0,94 %. Der zugrundeliegende S&P 500 Cash Index (SPX) öffnete am selben Tag mit −0,05 %. Zum Handelsschluss stand SPY bei −2,21 %, SPX bei −2,21 %. Ein perfektes Match — bis auf den ersten Preis des Tages.
Kein Datenfehler. Ein struktureller Effekt, den viele Backtester übersehen. Und einer, der ganze Strategieklassen unbrauchbar macht.
Der Befund
Im Rahmen einer Gap-Down-Reversal-Studie habe ich SPX- und SPY-Daten von 2000 bis 2026 systematisch verglichen. Das Ergebnis lässt sich in drei Zahlen fassen:
| Metrik | TVC:SPX | SPY (ETF) |
|---|---|---|
| Tage mit Open == Vortages-Close | 16,5 % | 1,8 % |
| Standardabweichung Overnight-Gap | 0,37 % | 0,70 % |
| Gap-Down-Signale (2000–2026) | 485 | 954 |
Die Signale feuern auf exakt denselben Handelstagen. Der Unterschied liegt allein am Open-Preis, mit dem der Index in den Tag startet. Der SPX-Open bildet die Marktrealität am Eröffnungsauction schlicht nicht ab.
Die Mechanik: Warum das passieren muss
Der SPX ist kein handelbares Instrument, sondern ein rechnerischer Index aus 500 Aktienpreisen. Um 9:30:00 EST öffnen aber nicht alle 500 Aktien gleichzeitig. Jede einzelne Aktie hat ihre eigene Opening Auction, die von Sekunden bis mehrere Minuten dauern kann.
Was macht der Index in dieser Zeit? Er rechnet weiter — mit den zuletzt bekannten Preisen. Für noch nicht eröffnete Aktien ist das der Vortages-Schlusskurs. Der offiziell gemeldete „SPX Open" ist damit ein hybrider Wert: teils reale Auction-Preise der bereits geöffneten Aktien, teils Vortages-Closes der noch nicht geöffneten.
Im Laufe des Tages holt der SPX auf, weil alle Konstituenten fair-value-gehandelt werden. Deshalb ist das SPX-Low korrekt, das SPX-Close ebenfalls — nur der Open ist verzerrt. Der Effekt lebt exakt zwischen 9:30 und dem Moment, in dem die letzte Konstituente eröffnet.
Die Konsequenz für Backtests
Der Fehler ist strategiespezifisch. Er schlägt genau dann durch, wenn der Open eine Rolle im Signal oder Entry spielt:
Betroffen
- Gap-Fade / Gap-Continuation
- Opening Range Breakout
- Alle Strategien mit Open-basierten Filtern oder Triggern
Nicht betroffen
- End-of-Day-Systeme
- Weekly / Monthly Trend Following
- Strategien, deren Entry auf Close, Low, High der Sitzung basiert
Konkret in meiner Gap-Down-Reversal-Analyse: An 127 Tagen feuerte das Signal auf SPY, aber nicht auf SPX. An 125 dieser 127 Tage hätte das SPX-Low das relevante Vortages-Level tatsächlich unterschritten — der Trade wäre live also durchaus zustande gekommen. Nur eben zu einem völlig anderen Entry-Preis. Ein Backtest auf SPX-Daten hätte den Trade schlicht übersehen.
Was das für Live-Trading bedeutet
Die eigentliche Frage ist nicht „welche Daten sind akademisch korrekter" — sondern welche Daten bilden meinen Ausführungsmoment ab.
Wer über einen CFD-Broker den „US500" handelt, tradet gegen einen Preis, der sich am Futures- oder ETF-Underlying orientiert — also am realen Auction-Preis. Ein Backtest auf TVC:SPX simuliert dagegen einen Kurs, der so nie zustande gekommen ist. Das Ergebnis ist nicht „leicht optimistisch" oder „leicht pessimistisch". Es ist strukturell falsch.
Meine Regel für die Modellierung von Open-basierten Strategien lautet inzwischen:
| Instrument | Verwendung |
|---|---|
SPY / QQQ / IWM (ETFs) |
Signalgenerierung und Backtest |
ES / NQ / RTY (Futures) |
Ausführungsmodellierung |
SPX / NDX / RUT (Cash) |
Ausschließlich, wenn nur Close-Werte in die Logik einfließen |
Fazit
Daten sind nicht gleich Daten. Ein „S&P 500 Chart" ist keine physikalische Größe, sondern ein konstruierter Wert. Wer den Backtest ohne Kenntnis dieser Konstruktion aufsetzt, backtestet nicht den Markt — sondern einen Rechenfehler, den der Index-Provider transparent macht, wenn man ihn danach fragt.
Der Vorteil der systematischen Herangehensweise liegt genau hier: In der Bereitschaft, die eigenen Datenquellen so ernst zu nehmen wie die Strategie selbst. Eine Sharpe von 0,8 auf falschen Daten ist keine Sharpe von 0,8. Sie ist eine Zahl auf einem Chart, der so nie existiert hat.


